Produktionsbereich für den Wet-Bonding-Prozess bei VIA optronics

Materialwissenschaft – Optische Klebstoffe und ihre Alterung

Die Auswahl des richtigen optischen Klebstoffs ist eine der kritischsten Entscheidungen im Design eines gebondeten HMIs. Der Klebstoff ist weit mehr als nur ein „Füllmaterial“ zwischen Display und Deckglas. Er ist ein hochspezialisiertes funktionales Material, das gleichzeitig optische, mechanische und chemische Anforderungen erfüllen muss. Seine Eigenschaften bestimmen nicht nur die initiale Performance, sondern vor allem die Langzeitstabilität des gesamten Systems über Jahre hinweg unter rauen Bedingungen.

Darstellung von VIA Bond Plus für die optische Display-Laminierung

Materialklassen: OCA und OCR und ihre Einsatzgebiete

Optische Klebstoffe lassen sich grundsätzlich in  zwei Hauptkategorien einteilen, die sich in ihrer physikalischen Form und ihrem Verarbeitungsprozess fundamental unterscheiden.

OCR (Optical Clear Resin)

Illustration des Materialaufbaus mit Optical Clear Resin beim Optical Bonding

Optical Clear Resin (OCR) ist ein flüssiges, optisch klares Verguss‑ bzw. Bonding-Material, das in der Display‑ und Glaslamination eingesetzt wird. OCR wird zwischen zwei optischen Substraten (z. B. Display und Coverglas oder Touchsensor) eingebracht und anschließend ausgehärtet. . In flüssiger Form wird er präzise zwischen die zu verbindenden Schichten dispensiert. Seine niedrige Viskosität ermöglicht es ihm, selbst kleinste Unebenheiten und Oberflächenstrukturen vollständig auszufüllen.

Vorteile von OCR

  • Hohe optische Qualität: Geringe Lichtstreuung, hohe Transmission und gute Farbstabilität.
  • Anpassungsfähigkeit an komplexe Geometrien: Geeignet für großflächige, gekrümmte oder unebene Oberflächen.
  • Strukturelle Verbindung: Nach der Aushärtung entsteht eine feste, dauerhafte Verbindung zwischen den optischen Schichten.
  • Möglichkeit der „Re-workability“ – Reparatur der Displays während der Produktion und im Feld

OCR eignet sich hervorragend für

  • Anwendungen mit erhöhten Anforderungen an mechanische Stabilität, Schock‑ und Schlagfestigkeit
  • Optische Systeme, bei denen konventionelle OCA‑Folien an ihre Grenzen stoßen
  • Display in allen Größen und Formen in Verbindung mit jeglicher Kombination aus Coverglas und Touch

OCA (Optical Clear Adhesive)

Illustration einer optisch klaren Klebeschicht mit OCA im Display-Aufbau

OCA ist ein vorgehärteter, hochviskoser Klebefilm, der typischerweise in Rollen oder Bögen mit definierter Dicke (üblicherweise 50 bis 250 µm) geliefert wird und beidseitig mit Schutzfolien versehen ist.

Vorteile von OCA:

  • einfachere und schnellere Verarbeitung
  • hohe Durchsatzraten
  • auch in sehr dünnen Schichten erhältlich

OCA eignet sich hervorragend für:

  • flache Displays
  • mittelgroße Displays
  • Laminierung von Film Komponenten

Herausforderungen:

  • hohe Anforderungen an die Oberflächenqualität
  • Risiko von Silvering bei Unebenheiten

LOCA (Liquid Optical Clear Adhesive)

Illustration eines flüssigen optisch klaren Klebstoffs im Display-Aufbau

LOCA ist ein flüssiger Klebstoff, der in der Regel durch UV-Strahlung ausgehärtet wird. In flüssiger Form wird er präzise zwischen die zu verbindenden Schichten dispensiert. Seine niedrige Viskosität ermöglicht es ihm, selbst kleinste Unebenheiten und Oberflächenstrukturen vollständig auszufüllen.

Das macht LOCA besonders geeignet für:

  • strukturierte Oberflächen
  • große Displays
  • gekrümmte Geometrien

Allerdings erfordert LOCA eine aufwändige Prozesskette mit:

  • Dispensier-Systemen
  • Vakuum-Laminierung zur Vermeidung von Luftblasen und Lufteinschlüssen
  • UV-Belichtungsanlagen

Die Reworkability ist nach der vollständigen Aushärtung stark eingeschränkt.

Überblick:

  • OCA (Optical Clear Adhesive): hochviskose, vorgehärtete Klebefolie mit Fokus auf Laminierung von Folien.
  • OCR (Optical Clear Resin): Flüssiger optischer Klebstoff mit Fokus auf Systemstabilität; Reworkability und hohe Beständigkeit

Die Wahl zwischen L OCA und OCR hängt stark von der spezifischen Anwendung ab. In beiden Fällen steht die Klebetechnik im Zentrum des Prozesses, denn nur ein sauber ausgeführtes Bonden beziehungsweise Verkleben gewährleistet eine dauerhaft optische und mechanisch stabile Verbindung, und Langzeitstabilität.

Chemische Basis: Silikon vs. Acrylat – ein fundamentaler Unterschied

Unabhängig davon, ob OCA oder OCR eingesetzt wird, basieren optische Klebstoffe chemisch entweder auf Silikon-Polymeren oder auf Acrylat-Polymeren.

Acrylat-basierte Klebstoffe

Acrylat-basierte Klebstoffe sind in Anwendungen mit reduzierten Beständigkeitsanforderungen weit verbreitet.

Sie bieten:

  • sehr gut optische Klarheit
  • Transmissionswerte über 99 %
  • sehr niedrigen Haze (< 0,5 %)
  • hohe Haftkraft auf Glas und ITO-Oberflächen
  • geringere Kosten

Nachteile:

  • begrenzte Temperaturbeständigkeit
  • Risiko der Vergilbung unter UV-Einstrahlung oder bei hohen Temperaturen
  • Neigung zur Versprödung bei hohen Temperaturen und somit Tendenz zu Luft- und Wassereinschlüssen

Silikon-basierte Klebstoffe

Silikon-basierte Klebstoffe sind die Premium-Wahl für Heavy-Duty-Anwendungen.

Sie bieten zusätzlich zu den Vorteilen der acrylat-basierten Klebstoffe:

  • extrem widerstandsfähig gegen UV-Strahlung und somit praktisch keine Vergilbung
  • breiter Temperatureinsatzbereich
  • dauerhafte Elastizität
  • exzellente Aufnahme thermomechanischer Spannungen

Diese Eigenschaften machen Silikon zur einzig sicheren Wahl für Anwendungen, bei denen Zuverlässigkeit unter extremen Bedingungen nicht verhandelbar ist.

Alterungsmechanismen und Ausfallmodi

Die vier Hauptstressfaktoren für optische Klebstoffe sind:

  • UV-Strahlung
  • hohe Temperaturen
  • Feuchtigkeit
  • mechanische Ermüdung

Typische Ausfallmodi:

Delamination:

Dies ist die Ablösung des Klebstoffs von einer der Oberflächen (Glas, Film oder Display). Die Hauptursache ist der Verlust der Adhäsion, oft durch Hydrolyse (chemische Spaltung der Haftungsbindungen durch Wasser) an den Grenzflächen. Eine unzureichende Oberflächenvorbereitung, Kontamination oder das Eindringen von Feuchtigkeit durch eine fehlerhafte Randversiegelung sind die häufigsten Auslöser.

Vergilbung (Yellowing):

Dies ist eine gelbliche Verfärbung des Klebstoffs, die durch die Degradation des Polymers durch UV-Strahlung oder hohe Temperaturen verursacht wird. Sie reduziert die Transmission und verfälscht die Farbdarstellung. Dieser Effekt ist besonders bei Acrylat-basierten Klebstoffen ausgeprägt.

Blasenbildung (Bubbling):

Die Bildung von Blasen im Klebstoff kann durch eine unzureichende Vakuum-Entlüftung während des Laminierungsprozesses oder durch Ausgasung (Outgassing) von flüchtigen Bestandteilen bei hohen Temperaturen verursacht werden. Blasen wirken als Linsen und führen zu optischen Verzerrungen und weiterführend zu Delamination.

Silvering:

Dies sind silbrig erscheinende Bereiche, die typischerweise an den Rändern von Displays auftreten. Sie entstehen durch mikroskopisch kleine Lufteinschlüsse, wenn der Klebstoff die Oberflächenrauheit des Glases nicht vollständig ausfüllt. Unzureichende Haftung während der Laminierung oder zu raue Oberflächen sind die Hauptursachen.

Trübung (Haze):

Eine Zunahme der Trübung kann durch Inkompatibilitäten zwischen dem Klebstoff und anderen Materialien, durch Feuchtigkeitsaufnahme oder durch die Degradation des Polymers entstehen. Sie reduziert den Kontrast und führt zu einem milchigen Erscheinungsbild.

Schrumpfen der Klebefläche (Shrinking):

Die Schrumpfung optischer Klebstoffe während der Aushärtung oder nach der Aushärtung im Laufe des Lebenszyklus kann aufgrund unzureichender Flexibilität des Klebers mechanische Spannungen im Bondverbund erzeugen. Diese Spannungen können Adhäsion, Kohäsion oder Substrate belasten und dadurch potenzielle Ausfallmechanismen initiieren.

Die Auswahl eines hochwertigen, für die Anwendung qualifizierten Klebstoffs und ein präziser kontrollierter Fertigungsprozess ist entscheidend, um diese Ausfallmodi zu vermeiden.

Hinweis zu technischen Angaben in diesem Kapitel

Die in diesem Kapitel genannten technischen Werte, Prüfprofile und Leistungsangaben dienen der fachlichen Einordnung. Konkrete Ergebnisse hängen vom jeweiligen Displayaufbau, Materialsystem, Bondingprozess, Einsatzprofil und Qualifikationsumfang ab. Produktspezifische Werte werden projektbezogen anhand von Datenblättern, Messungen, Prüfberichten und Kundenspezifikationen validiert.